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Ein Leben für Gott und die Musik

Maria Holzapfel aus Schwabing-West spielt mit 95 noch die Orgel der Barbarakirche. Wir haben sie besucht und uns ihre Geschichte angehört.

Fünfundneunzig? Es ist nicht zu glauben, wenn man Maria Holzapfel ins Gesicht sieht. Sie hat strahlende blaue Augen und ihre Mimik ist so lebendig wie die einer jungen Frau. Die Organistin der Barbarakirche an der Infanteriestraße hat Anfang Oktober aber tatsächlich diesen runden Geburtstag gefeiert. "Gott braucht auch ein paar alte Schachteln", scherzt sie. Doch gleich darauf verrät sie ihr Geheimrezept: "Gottes Segen und die Liebe zur Musik haben mich mein Leben lang beschützt." Wer die beherzte Christin beim Sonntagsgottesdienst spielen hört, glaubt ihr sofort. Ihre Melodien sind eins mit sich und der Welt, erzählen von Bescheidenheit, Freude, Vertrauen. Heute war zum Beispiel die Schubert-Messe dran. "Ein Stück Jugenderinnerung", sagt die Organistin, "so oft habe ich das schon gehört und gespielt."

Seit ihrer frühesten Kindheit ist Maria Holzapfel der Kirchengemeinde St. Benno verbunden, und später auch der dazu gehörigen, ehemaligen Garnisonskirche St. Barbara. Aus ihren jungen Jahren, die sie mit ihren Eltern an der Nymphenburger Straße verbracht hat, kann sie noch viel erzählen. Etwa vom Benno-Kindergarten, in den sie ging. Aber auch von den ersten Weintrauben, die Händler immer zur Wiesnzeit auf der Hackerbrücke verkauften, und von den Kokosstreifen um ein Fünferl, die sie sich als Grundschülerin mit ihrem besten Freund auf dem Oktoberfest gekauft und vor dem Schichtl ganz langsam verzehrt hat. Oder von der ersten Rolltreppe im Kaufhaus Uhlfelder im Rosental. Schon damals sind die Lieder aus dem Gotteslob ihre Begleiter. "Eines meiner Liebsten war immer Bachs 'Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen'", erinnert sie sich.

Die Eltern können sich zum Glück ein wenig Kultur leisten: Maria darf auf die Mittelschule und tritt mit 16 in den Kirchenchor von St. Benno ein. Neben ihrer Lehre zur Bürokauffrau absolviert sie eine Ausbildung zur Organistin am Trappschen Konservatorium, einem Vorgänger des heutigen Richard-Strauß-Konservatoriums. "Bis zur Kirchenmusikerin habe ich es leider nicht geschafft, weil nach dem Krieg mein Vater krank war und ich die Alleinverdienerin war im Haus." Bereits mit 18, also 1938, hat sie ihre berufliche Laufbahn bei der Spaten-Brauerei begonnen.

Frau Holzapfel als junge Frau (privat)


So manche traurige Erinnerung kommt in ihr hoch, wenn sie an diese Zeit denkt. So sieht sie etwa jetzt noch im Geiste das Kaufhaus Uhlfelder in Schutt liegen, nach der Novemberpogromnacht. "So viel ist zerstört worden damals. Und so viele Lebensmittel einfach auf die Straße geworfen!" Später, als es nur noch ums Überleben ging, verbrachte sie mit ihren Eltern viele Stunden im Luftschutzkeller von St. Benno. Eines Tages stürzte während eines Fliegerangriffs vor ihren Augen ein Haus in der Briennerstraße ein. Nur ein Fensterbrett wollte sie aus der Kaulbachstraße holen und zu Fuß ins Elternhaus tragen. Als sie zurück war, war auch dieses zerbombt. Ihr Vater lag mit Brüchen im Krankenhaus. "Da weinte ich nur noch."

Doch es gab auch wenige, spaßige Momente. "Bei einem Klassentreffen meiner Mädchenschule 1939, in einem Café in der Galeriestraße, kam plötzlich der Führer mit seinem Stab herein. Er ließ uns alle durch einen SS-Mann ausfragen - und anschließend jedem Mädchen eine Bonbonniere schenken. Wissen Sie, wer zum Danksprüchlein hinüber ging? Ausgerechnet diejenige, die immer mit so einer schlimmen Quiekstimme 'Heil Hitler' gegrüßt hat." Maria Holzapfel lächelt. Als Tochter einer christlichen Familie hat sie selbst den Gruß nicht gerne verwendet. "Ein Kollege in der Brauerei hat immer gesagt: Nun sag doch auch 'Heil Hitler' zu den Kunden! Aber ich bin bei Grüß Gott geblieben."

Nach dem Krieg kam endlich die Musik zurück. Mit eigenen Händen half Maria Holzapfel nach 1945, die ausgebombte Bennokirche wieder aufzubauen. Zahllose Dachziegel hat sie geschleppt. Und wenige Jahre später die Belohnung geerntet: Unter dem Klang von Händels "Halleluja", gesungen von den Kolleginnen und Kollegen des Bennochors, heiratete sie ihren Mann Josef. Den Löwenbräu-Buchhalter kannte sie schon aus der Jugendgruppe von St. Benno - "doch er war fünf Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Wir mussten uns nach seiner Rückkehr neu kennenlernen." Die Messe von Michael Haydn ist das Stück dieser Jahre. Denn dies war das favorisierte Werk, der polnischen Christen, die nach dem Krieg in St. Barbara Gottesdienst feierten.

30 freudige Jahre folgten: Maria erlebte die Geburten ihrer zwei Söhne, wunderbare Reisen und Konzerte mit den weltbesten Dirigenten - Rosbaud "mit der Flossenhand", Böhm, Furtwängler. Bis 1979 spielte sie die Orgel in St. Benno, dann berief Pfarrer Bleyer sie in die Barbarakirche.
Auch heute noch aktiv: Maria Holzapfel an der Orgel der Barbara-Kirche (Foto: Klaus Haag)

Anfang der 80er Jahre erlebte sie sogar eine Aufführung von "Tristan und Isolde" in Bayreuth. Kaum zu glauben, aber die Karten gab es damals über die Theatergemeinde.
1986 starb Marias Mann. "Das Alleinsein war schrecklich", sagt sie. "Wenn ich daheim war, wollte ich nicht weg, und wenn ich weg war, wollte ich nicht heim." Aus dem Kirchenchor hatte sie sich ein Jahr zuvor, mit 65, verabschiedet, ihre Söhne führten ein eigenes Leben.

Doch die Musik hielt sie am Leben: Nicht nur in St. Barbara, auch im Standesamt an der Nymphenburger Straße spielte sie regelmäßig die Orgel. "Ich musste nach draußen. Das hat mich wohl gerettet." Und natürlich bewiesen auch ihre Söhne Herz. Seit ihre Mutter alleine ist, führen sie sie regelmäßig in die Oper und ins Akademiekonzert aus. Inzwischen träumt Maria Holzapfel auch schon wieder von Prokofjew: Die neue Inszenierung von "Der feurige Engel" im Nationaltheater würde sie gerne sehen. Rückzug ist kein Thema mehr. "Und eine schöne Donaukreuzfahrt würde ich auch gerne noch machen. Aber leider wird das Reisen halt immer schwieriger." Aber nicht unmöglich. Immerhin will sie noch keinen Rollator. "Der stört nur. Solange es Geländer gibt, gehe ich lieber ohne."

Was Maria Holzapfel der jungen Generation sagen möchte
"Seid nicht so unzufrieden. Beschäftigt Euch. Geht arbeiten. Trefft Euch draußen in der Welt mit Menschen. Lasst Euch nicht nur berieseln. Akzeptiert Grenzen. Seid nicht unersättlich."


An Sonntagen und Feiertagen, wenn die jüngeren Organisten anderes zu tun haben, spielt Maria Holzapfel immer noch die Orgel in St. Barbara. So wie heute. Sie arrangiert die Liederbücher auf dem Halter und auf der Bank neben sich, übt Griffe, rückt den Spiegel am linken Orgelfenster zurecht, damit sie den Pfarrer im Blick hat. "Diese Lieder sind Gebete", sagt sie, "das muss man rüber bringen." Und das tut sie. Ihre Einsätze gelingen perfekt und mit Inbrunst. Oft singt und betet sie mit. An der wichtigsten Stelle, dem Segen, dreht sie sich sogar zum Pfarrer und zum Herrgott hin um. Denn mit Gottes Segen fängt für Maria Holzapfel eine neue, gute Woche an.

Isabel Winklbauer
Quelle "Münchner Merkur, 24. November 2015"